Familienbande

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Im Gegensatz zu vielen anderen Vogelarten sind die familiären Beziehungen bei Zwergschwänen recht ausgeprägt: Die Jungtiere verlassen zusammen mit ihren Eltern das Brutgebiet, treten die weite Reise Richtung Westen an, überwintern und kehren auch gemeinsam wieder ins Brutgebiet zurück. Erst dort trennen sich häufig ihre Wege. Zudem bleiben familiäre Verbindungen oft auch über das erste Jahr hinaus bestehen: Jungtiere der Vorjahre können sich vor allem an den bekannten Überwinterungsplätzen ihren Eltern wieder anschließen, dies endet jedoch meist, sobald eigene Partner vorhanden sind (E. Rees 2006, Bewick’s Swan ).

Besonders gut lässt sich dies auch an einem unserer neuen Senderschwäne erkennen: Aggi (314T) wurde am 11. Dezember 2025 als Jungvogel im ersten Kalenderjahr beringt. Nach einigen Tagen Aufenthalt auf einem Schlafgewässer im Emsland flog sie am 20. Dezember zunächst nach Wales. Am Weihnachtsmorgen erreichte sie schließlich das Wetland Centre Slimbridge – in Begleitung des Altvogels XCP (gelber Fußring).

Aggi (314T) im WWT Slimbridge
© Lee Greogory

Dieser war für die Beobachter vor Ort ein vertrauter Anblick: XCP, genannt Ananas, wurde in Slimbridge erstmals im Dezember 2012 beobachtet, gemeinsam mit ihrem damaligen Partner Anais. Die namentliche Individualisierung von Schwänen hat dort eine bereits über 60jährige Tradition. Ermöglicht wird dies, da Zwergschwäne eine individuelle Schnabelfärbung aufweisen (Monitoring Bewick’s swans | WWT).

Aggis Mutter Ananas (XCP)
© Steve Heaven

10 Jahre später, im Dezember 2022, kam Ananas erneut nach Slimbridge, diesmal jedoch mit einem neuen Partner (BUX), der Mayweed getauft wurde. Die beiden hatten drei Jungvögel dabei, die in diesem Winter ebenso wie ihre Eltern Ringe erhielten (AAP, AAT & AAU). Zwei der Geschwister (AAU, AAT) kehrten im folgenden Winter 2023 zurück nach Slimbridge (A Bewick’s Blog: Winter 23/24 | WWT), die Eltern Ananas und Mayweed hingegen wurden erst im vorigen Winter (2024/25) wieder beobachtet.

Aggi und ihre Mutter Ananas sind also in diesem Winter erneut nach Slimbridge zurückgekehrt – jedoch ohne Vater Mayweed (BUX). Dieser konnte, ebenso wie seine Partnerin Ananas (XCP), am 26. November im Emsland noch abgelesen werden. Eine Woche später wurde der Trupp dort erneut kontrolliert: Ananas war da, Mayweed hingegen nicht – es ist anzunehmen, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben war. Bei dem Fang am 11.12. war keiner der beiden beringten Vögel im Trupp anwesend, Mutter und Tochter haben sich also offensichtlich nach der Fangaktion problemlos wiedergefunden.

Einen Monat nach Aggis Ankunft in England wurde uns eine weitere Sichtung gemeldet: Unser junger Senderschwan war in Begleitung von zwei adulten Schwänen unterwegs, beide beringt – und nicht ihre Eltern! Stattdessen handelte es sich bei einem der Altvögel um die große Schwester aus dem Jahr 2022: Tussock (gelber Fußring AAT) hat offenbar einen Partner mitgebracht (weißer Halsring 572X) und Zeit mit ihrer kleinen Schwester verbracht.

Aggis Schwester Tussock (Fußring AAT)
© Steve Heaven
Tussocks Partner (572X)
© Lee Gregory

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Johannes Lameyer

    Das sind wirklich großartige Erkenntnisse. Wir müssen davon ausgehen, daß sie ihre Verwandten, Geschwister, Tanten und Onkel kennen und über Jahre wiedererkennen. Das setzt ein individuelles „Ich“ voraus. Ich bin ich und du bist du und bleibst mein Kind für immer. Das sind Eigenschaften, die der Mensch nur einem Menschen zubilligt und ihm deshalb eine „Seele“ zuordnet. Die Frage ist auch: Lieben sie sich? Die Eltern ihre Kinder und umgekehrt. Können das nur Menschen?
    Und dann immer wieder: Wie finden sie zurück nach Slimbrdge? Sie haben vorsätzlich gehandelt, einen Entschluß gefasst und umgesetzt, wie wir Menschen, und ohne Navi das Ziel erreicht. Wahnsinn.

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